Symptome beim Rechnen

Es gibt eine breite Anzahl von Symptomen, die auf Rechenschwächen hindeuten können. Es wird in primäre Symptome als jene Auffälligkeiten, die das Rechnen selbst betreffen und in sekundäre Symptome, die sich als psychische Auswirkung der Rechenschwäche feststellen lassen, unterschieden.

Als primäre Symptome, die im Umgang mit Zahlen und Mengen auffallen, lassen sich bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen folgende beobachten:

  • Nahezu alle Aufgaben werden durch Zählen an den Fingern, an anderen Objekten oder mit Hilfe von Anschauungsmaterialien gelöst.
  • Bei Additionen und Subtraktionen wird sich häufig um 1 verrechnet.
  • Es wird auch da gezählt, wo sich Zählen erübrigt. Nach 7 + 8 = 15 wird 7 + 9 erneut ausgezählt.
  • Alle sich aus der Logik des Zahlaufbaus und dem Zusammenhang der Operationen ergebenden Rechenerleichterungen bleiben ungenutzt. Nach 3 + 4 = 7 wird 7 - 4 neu abgezählt.
  • Dekadische Transferleistungen sind nicht möglich. Nach 3 + 4 = 7 wird 13 + 4 neu ausgezählt.
  • Subtraktionsaufgaben werden regelmäßig nicht oder falsch gelöst.
  • Rechenarten werden verwechselt.
  • An die Stelle des stupiden Zählens tritt häufig das begriffslose, rein mechanische Rechnen, auch da, wo sich die Mechanik logisch verbietet. z. B.: 13 - 12 wird gerechnet als 10 – 10 = 0 und 3 – 2 = 1.
  • Anstelle der Operationslogik treten subjektive Rechenregeln (subjektive Algorithmen), z. B. 10 + 10 = 200 (subjektive Logik: 1 + 1 = 2 und zwei Nullen "angehängt")
  • Es werden häufig die Zehner und Einer von Zahlen vertauscht (Zahlreversionen): 24 statt 42.
  • Die Stellenwerte von Zahlen werden beim Rechnen missachtet. z. B.: Bei 30 + 25 = 82 wird gerechnet 3 + 5 = 8 und 0 + 2 = 2.
  • Die Bedeutung der Null als Zahl und als Ziffer wird nicht erkannt.
  • Multiplikationsreihen werden begriffslos wie ein Gedicht aufgesagt. Der Zusammenhang der Multiplikation mit der Addition und Subtraktion ist unverstanden. z. B.: 9 x 9 = 81; 8 x 9 = 72; 81 - 9 muss neu abgezählt werden
  • Offensichtlich falsche Lösungen werden nicht erkannt. Häufig werden Traumergebnisse produziert, z. B. 200 : 2 = 1
  • Platzhalteraufgaben (analytische Aufgaben), wie x - 4 = 6 können nicht gelöst werden.
  • Bei Textaufgaben zeigt sich völliges Unverständnis: Es werden falsche Fragen formuliert, z. B. nach schon gegebenen Inhalten, und falsche Rechnungen angestellt. Die Antworten passen nicht zur Frage.
  • Der rechnerische und praktische Umgang mit Größen (Strecken, Gewichten, Geld, Zeiten) gelingt nicht oder kaum.
  • Das räumliche und/oder zeitliche Vorstellungsvermögen ist nicht altersgemäß entwickelt.
  • Mühsam Eingeübtes ist nach kurzer Zeit wieder vergessen.

Hinweise auf das Vorliegen einer Rechenschwäche können häufig auch aus dem Verhalten von Kindern und Jugendlichen entnommen werden. Rechenschwache Kinder und Jugendliche fallen beim schulischen Rechnen selten dadurch auf, dass sie nichts machen. Trotz mangelnder Einsichten in die elementare Mathematik wird bei Anforderung der Schule, rechnen zu müssen, "gerechnet". Ergebnisse werden zählend oder mit anderen Ersatzformen des Rechnens hervorgebracht. Der kompensatorische Aufwand, ohne Einsichten trotzdem richtige Ergebnisse hervorbringen zu müssen, erfordert ein hohes Maß an Konzentration und ist sehr zeitaufwendig. Die notwendige Konzentrationsaufwand äußert sich insbesondere bei Zählern häufig durch ein typisches Starren während des "Rechnens". Dabei werden wegen der dort geringen Ablenkungsgefahr oft monochrome Flächen wie Wände oder der Himmel angestarrt. Oft wird das konzentrierte Starren durch leichtes Kopfnicken im Zählrhythmus begleitet. Das Starren rechenschwacher Kinder wird vielfach als Wegblicken, als mangelndes Interesse missdeutet. Hier werden Ursache und Wirkung verdreht. Das Starren ist Ergebnis des mangelnden Verständnisses und nicht dessen Ursache.

In Folge des hohen Konzentrationsaufwandes ermüden rechenschwache Kinder und Jugendliche häufig deutlich schneller als jene, deren Lösungsprozesse auf logischen Einsichten basieren. Neben dem Nachlassen der Aufmerksamkeit reagieren Kinder auf Ermüdung mit zunehmender motorischer Aktivität. Im Unterricht oder beim häuslichen Üben fällt dies als störend auf. Rechenschwachen Kindern werden häufig eine mangelnde Konzentration und mangelnder Wille bescheinigt. Auch hier werden die Kausalitäten vertauscht. Das Zählen gelingt nur bei hoher Aufmerksamkeit im Zählakt. Die nachlassende Konzentration ist Ergebnis der großen Anstrengung. Der Wille des Kindes liegt vor, nur sind die mathematischen Inhalte von ihm unbegriffen.

Das Vorliegen eines oder mehrerer Symptome bedeutet noch nicht das Vorliegen einer Rechenschwäche. Fällt eine Vielzahl von Symptomen auf, sollte durch eine qualitative Untersuchung des rechnerischen Verständnisses eine diagnostische Abklärung des Verdachtes auf eine Rechenschwäche erfolgen.

Rechenschwächen zeigen sekundäre Wirkungen in Bereichen, die mit dem eigentlichen Rechnen und seinen Problemen sachlich nicht zusammenhängen. Im "Teufelskreislauf" einer Rechenschwäche wirken sich die mathematischen Lernprobleme als psychische Belastungen des Kindes aus. Werden Rechenschwächen nicht erkannt, resultieren daraus "Hilfen", die auf das Problem des Kindes in völliger unangemessener bis unqualifizierter Weise reagieren. So werden die Anzahl der häuslichen Übungsstunden erhöht; es werden der schulische Förderunterricht und außerschulische Nachhilfen bemüht. Dabei wird das Unverstandene weiter trainiert. Dies kann zu keinen sachlogischen Einsichten führen. Das mathematische Unverständnis und die schulischen Minderleistungen im Rechnen halten weiter an. Die psychische Belastung des Kindes resultierend aus den erhöhten Bemühungen und den gleichzeitig anhaltenden Misserfolgen steigt und kann sich bis hin zur Entwicklung psychopathologischer Symptome steigern. Können sekundäre psychische oder psychosomatische Auswirkungen von Rechenschwächen wie Angst vor dem Mathematikunterricht oder dem Schulbesuch, Insuffizienzäußerungen (Kind hält sich für dumm), sozialer Rückzug, situationsbedingte Kopf- und Bauchschmerzen o. ä. festgestellt werden, ist eine diagnostische Abklärung und Intervention dringlich.

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